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Wie wirkt sich die Flüchtlingssituation wirtschaftlich aus?

Wie wirkt sich die Flüchtlingssituation wirtschaftlich aus?

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Offizielle Prognosen und Untersuchungen, wie sich die Flüchtlingssituation auf Sachsen auswirkt, gibt es zwar noch keine, doch ist unübersehbar, dass seit Ankunft der ersten Asylbewerber Hochkonjunktur in einigen Branchen herrscht.

Wer profitiert?

Wenn eine Vielzahl von Menschen in ein neues Gebiet kommt, brauchen Sie natürlich zunächst eine Grundversorgung. Das wohl Wichtigste: eine warme Mahlzeit und ein Dach über dem Kopf.

Vor allem Containerbauer und Zelthersteller sind momentan gefragt, denn die Zuteilung der Flüchtlinge in feste Wohnungen beziehungsweise Asylbewerberheime erfolgt erst nach der Erstaufnahme.

Deutsche Traditionsunternehmen wie der Traglufthallenhersteller Paranet aus Augsburg oder die hessischen Zeltproduzenten Tartler haben ihr Angebotsspektrum von Bierfesten und Sporthallen auf Flüchtlingsunterbringung ausgeweitet und kommen mit der Produktion kaum hinterher. Jürgen Wowra, Chef von Paranet, sagte der Süddeutsche Zeitung:

Wir mussten unsere Produktion von einer Schicht auf vier Schichten umstellen, sonst wären wir nicht mehr hinterhergekommen.

 

Bau- und Möbelbranche boomt

Doch Zelte und Container sind nur Übergangslösungen. Vor allem die deutsche Baubranche wurde positiv vom Flüchtlingsstrom erfasst: Es wird gebaut wie schon lange nicht mehr, Baufirmen werden mit Aufträgen überhäuft.  Die Bundesarchitektenkammer rechnet mit einem Bedarf von mehr als 400.000 Wohnungen, um auch Flüchtlinge dauerhaft unterbringen zu können. Allerdings sehen einige Stimmen in dieser Entwicklung auch eine Gefahr: Die große Nachfrage würde die Preise für Unterkünfte deutlich in die Höhe treiben.

Auch Privatleute haben nun eine Chance, leerstehende oder weniger attraktive Wohnungen gewinnbringender vermieten zu können. Mit Bezug der Notunterkünfte und Wohnungen kommen Handwerker und Möbelhersteller ins Spiel. Laut des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie (VDM) hat sich der Umsatz deutscher Matratzenhersteller im Jahr 2015 um ein Fünftel gesteigert und 2016 soll laut VDM wohl für die gesamte Branche ein gutes Jahr werden: Es wird ein regelrechter Auftragsboom erwartet, wenn Tausende von anerkannten Flüchtlingen schließlich aus ihren Asylunterkünften in eigene Wohnungen ziehen und sich komplett neu einrichten müssen.

 

Gute Auftragslage für Dienstleister

Nicht allein wegen zahlreicher Ausschreitungen gegen Flüchtlinge, müssen Asylbewerberunterkünfte professionell bewacht werden. Je nach Region sind für die Bewachung von Flüchtlingsheimen sechsstellige Beträge fällig.

Hatten es Dolmetscher und Übersetzer früher schwer, sich auf dem hart umkämpften Auftragsmarkt zu profilieren, so brauchen sich Sprachdienstleister für Arabisch, Persisch, Urdu oder selbst Französisch nicht mehr um ihr monatliches Einkommen zu sorgen. Kaum ein anderer Berufszweig spielt so eine überragend wichtige, jedoch auch umstrittene Rolle im Asylverfahren.

Die kontroversesten Debatten lösten allerdings staatlich bezahlte Fahrdienste aus (hier von Asylfakten.de zusammengefasst). Viele Flüchtlinge werden nämlich in Taxis von A nach B gebracht – allerdings nur, wenn dies wirklich nötig ist.

 

Auch Kommunen profitieren

Richard Kühnel, Vertreter der Europäischen Kommission in Deutschland, stellte in einem Interview mit dem Dresden Fernsehen klar: Auch sächsische Kommunen profitieren nachhaltig von den Flüchtlingen.

Es gebe vielschichtige Möglichkeiten EU-Gelder kurzfristig einzusetzen, wie beispielsweise für Unterkunft und Sprachtraining der Flüchtlinge. Aber auch langfristig profitierten die Kommunen von den Geldern insbesondere beim Ausbau der Infrastruktur, Bildung und Gesundheit.

 

Größter Nachteil geht von Einheimischen aus

Nicht die Flüchtlinge selbst, sondern der Umgang mit ihnen, könnte Sachsen jedoch wirtschaftlich zu Schaden kommen. Aufgrund der zahlreichen Übergriffe auf Asylbewerber und der negativen Berichterstattung fürchtet der Hauptgeschäftsführer der IHK Dresden, Detlef Hamann, Nachteile für den Standort Sachsen. So berichtete er dem Handelsblatt:

Jeder dieser Vorfälle bereitet auch der sächsischen Wirtschaft Sorgen, da zu befürchten ist, dass dem damit einhergehenden Imageschaden irgendwann auch messbare Nachteile, etwa bei Auftragseingängen oder der Fachkräftegewinnung von außerhalb Sachsens folgen könnten.

Redaktion

Redaktion

Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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