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Wie ist die Situation unbegleiteter Kinder und Jugendlicher?

Wie ist die Situation unbegleiteter Kinder und Jugendlicher?

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Jeder dritte Flüchtling in Deutschland ist ein Kind oder Jugendlicher, schätzt das UN-Kinderhilfswerk UNICEF. Viele kommen mit ihren Eltern, etliche werden jedoch von ihren Familien alleine auf die Flucht geschickt oder haben ihre Angehörigen unterwegs verloren. Wie die Freie Presse berichtet, lebten im Februar 2016 rund 66.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland, 2.104 davon in Sachsen.

Das Kinderhilfswerk UNICEF hat die Situation der Flüchtlingskinder in Deutschland genauer untersucht und ist zu erschreckenden Ergebnissen gekommen. Demnach lebten die Minderjährigen über immer längere Zeiträume in einem nicht kindgerechten Umfeld.

Ihre Rechte auf Schutz, Teilhabe, gesundheitliche Versorgung und Bildung werden oft monatelang nur eingeschränkt oder gar nicht gewahrt.

heißt es in der Pressemitteilung zum UNICEF Lagebericht.

Grund dafür ist vor allem das undurchsichtige und uneinheitliche System der Zuständigkeiten in Deutschland. Da die Betreuung der Minderjährigen in jedem Bundesland anders geregelt wird, es keine gezielte Erfassung gibt und aufgrund des neu geschaffenen Schnellverfahrens keine ausreichende Feststellung der Schutzbedürftigkeit gewährleistet werden kann, hängen Art und Umfang der Obhut häufig vom Zufall und dem Engagement Einzelner ab.

Kaum kindgerechte Unterkünfte und mangelhafte Betreuung

Die Aufnahmerichtlinie der Europäischen Union legt fest, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge besonders geschützt werden sollen. In Deutschland erhalten sie deshalb einen Anspruch auf Inobhutnahme durch das Jugendamt und Unterbringung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Doch in der Realität stellen die meisten Massenunterkünfte – vor allem die Erstaufnahmeeinrichtungen – keine geeigneten Schutz- und Rückzugsorte für Kinder dar, sondern zeichnen sich vor allem durch Enge und unzureichende sanitäre Anlagen aus. Hinzu kommen mangelhafte Ernährung, fehlende sinnvolle Beschäftigung und nicht selten auch Gewalterfahrungen.

Trotz dieser starken Belastung sind viele unbegleitete Flüchtlingskinder ganz auf sich allein gestellt, da kaum ausreichend Mittel und qualifizierte Fachkräfte für sie zur Verfügung stehen. Selbst nach traumatischen Fluchterlebnissen kann therapeutische Hilfe nicht ausreichend gewährleistet werden. Laut UNICEF-Lagebericht findet eine entsprechend professionelle psychosoziale Betreuung meist nur in äußersten Notfällen, wie beispielsweise bei einer Selbstmordgefährdung, statt.

Zwar befanden sich Anfang April mehr als  67.000 unbegleitete minderjährige und junge volljährige Flüchtlinge in Maßnahmen der deutschen Kinder- und Jugendhilfe (davon 3.446 in Sachsen), doch die Zahl der Minderjährigen, die keine Leistungen erhalten, etwa weil sie in Notunterkünften untergebracht werden, ist nicht erfasst und wird hoch geschätzt.
Insbesondere Kinder, die aus sicheren Herkunftsländern stammen oder aus anderen Gründen mit einer eher schlechten Bleibeperspektive eingestuft werden, landen in Sondereinrichtungen und warten dort oft monatelang auf ihre Abschiebung. In dieser Zeit gehen viele von ihnen weder in die Schule, noch erhalten sie anderweitige Bildungsangebote – und das, obwohl auch für sie eigentlich Schulpflicht gilt.

Rechtliche Schlechterstellung

Nicht nur die pädagogische Betreuung der Flüchtlingskinder lässt zu wünschen übrig, auch die rechtliche Unterstützung ist im Vergleich zu anderen in Deutschland lebenden Kinder geradezu rudimentär.

Das Regelungsgewirr im Asyl- und Aufenthaltsrecht ist sehr komplex und für eine solide Beratung bedarf es einer gewissen rechtlichen Expertise. Normalerweise bekommen Minderjährige deshalb für rechtliche Fragen einen Ergänzungspfleger zur Seite gestellt, der meist selbst Rechtsanwalt ist. Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen wird eine solche Unterstützung jedoch nur selten gewährt. Auch hier sind die Kinder voll und ganz auf externe Hilfe oder das persönliche Engagement ihrer gesetzlich zugewiesenen Vormünder angewiesen, die für diesen Bereich allerdings weder zuständig noch ausgebildet sind.

Die hauptamtlichen Betreuer stoßen flächendeckend an ihre rechtlichen und tatsächlichen Grenzen. Maximal 50 Mündel darf ein amtlicher Vormund laut Gesetz betreuen, doch in der Praxis sind es aktuell häufig weit mehr: In Dresden betreut ein Amtsvormund bis zu 67 Mündel, in Bautzen sind es ähnlich viele, berichtet die Freie Presse. Sachsens Jugendämter suchen deshalb gezielt nach Freiwilligen, welche die hauptamtliche Betreuer unterstützen sollen.

Um auf die aktuellen Missstände zu reagieren, haben das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und UNICEF eine gemeinsame, bundesweite Initiative gestartet. Auch Wohlfahrtsverbände, Nichtregierungsorganisationen und andere Akteure in Bund, Ländern und Gemeinden sollen eingebunden werden, um den Flüchtlingskindern endlich Struktur und Perspektive bieten zu können.

 

Redaktion

Redaktion

Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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2 Kommentare

  1. eure anworten auf viele fragen rund um das asyl sind sehr einleuchtend.natürlich ist für den normalbürger nicht verständlich ,dass sichere länder ihre bürger nicht zurücknehmen.das jugendliche z.b. aus marokko hier von steuergeldern großgezogen und ausgebildet werden, wir aber in ihrem heimatland urlaub machen. alles kann man einfach nicht begreifen. aber eure inhalte sind interessant und nachvollziehbar. weiter so. die helferkreise die sich gebildet haben finde ich in ordnung-ähnliches könnte ich mir allerdings auch für unsere rentner vorstellen. die trauen sich nicht auf ämter zu gehen, lebensmittel kostenfrei abzuholen u.a. nur mit dem unterschied–ein leben lang für diesen staat gearbeitet zu haben und jetzt mindestrente und kein helferkreis in sicht. mit freundlichen grüßen m. scheuner

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