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Warum haben so viele Flüchtlinge ein Handy dabei?

Warum haben so viele Flüchtlinge ein Handy dabei?

8. September 2015

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Kaum ein anderes Thema lässt die Gemüter so hochkochen, wie die Mobiltelefone der Flüchtlinge – noch dazu, da es sich meistens um Smartphones handelt. „Wer sich ein Smartphone leisten kann“, so die Meinung vieler, „kann es doch gar nicht so schlecht gehabt haben.“ Eine Verschwörungstheorie lautet gar: „Die Flüchtlinge bekommen die Smartphones von der deutschen Bundesregierung geschenkt.“ Das stimmt natürlich nicht. Tatsächlich kommen die meisten Flüchtlinge schon mit einem Smartphone in Sachsen an.

Lebensretter, Dolmetscher und letzte Verbindung

Flüchtlinge nutzen Handys vor allem für drei Dinge:

  1. Sie koordinieren mit Smartphones ihre Flucht. Sie können mit Schleppern in Verbindung bleiben und auf der Karte ihre Route abrufen.
  2. Außerdem kann ein Smartphone mit verschiedenen Übersetzungs-Apps dolmetschen. Das ist besonders wichtig im Umgang mit den Behörden der verschiedenen Länder auf den Etappen der Flucht.
  3. Letztlich ist das Smartphone eines Flüchtlings nicht nur eine kostengünstige, sondern oft die einzige Möglichkeit, mit zurückgebliebenen Familienmitgliedern und Freunden in Kontakt zu bleiben.

Der Flüchtling, die digital unmündige Person?

Gekauft haben sie das Handy meist in ihrem Heimatland. „Man geht davon aus, dass Migranten und Flüchtlinge im Grunde digital unmündige Personen sind“, sagt Vassilis Tsianos, Migrationsforscher an der Universität Hamburg in einem Interview gegenüber wired.de. Das heißt, dass wir fest davon ausgehen, dass Menschen aus ärmeren Ländern so einen „Luxusartikel“ wie ein Smartphone gar nicht kennen bzw. besitzen.  „Aus der Forschung wissen wir aber längst, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Migranten — wie alle anderen Menschen, die viel unterwegs sein müssen — sind digitale Vorreiter […].“

Andere Länder, andere Preise

Hinzu kommt, dass Smartphones in vielen arabischen Ländern gar nicht so teuer sind wie in Europa. Unternehmen wie Samsung, HTC oder LG haben dort modifizierte Geräte auf den Markt gebracht. „Sie bauen Smartphones, die optisch zwar den ‚westlichen‘ Premiummodellen gleichen, unter der Oberfläche aber weniger Leistung oder eine schlechtere Kamera besitzen. Die eingesparten Produktionskosten ermöglichen einen niedrigeren Preis“, schreibt der „Standard“. „Einen anderen Weg wählt Apple: Der Smartphone-Gigant bietet US-Kunden einen Preisabschlag, wenn sie beim Kauf eines neuen iPhones ihr altes Gerät eintauschen. Die gebrauchten Smartphones werden repariert, darauf befindliche Daten gelöscht – und die Handys schließlich in den Nahen Osten verschifft.“

Redaktion

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Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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Wie viele Flüchtlinge kommen aktuell nach Sachsen?

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5 Kommentare

  1. Angenommen, die Zuwanderer habe ein Smartphone dabei – wer zahlt die Rechnung dafür, gerade, wenn der Vertrag in ihrem Heimatland besteht? Weitere Frage – sollten Hartz 4 Empfänger nicht auch Smartphones haben?

    1. Hallo Peter, bitte präzisieren Sie Ihre Frage(n) etwas. Ein Handyvertrag ist ein privatrechtlicher Vertrag, für den der Kunde, der Handybesitzer (genauer: SIM-Karten-Nutzer) also, regelmäßig den vereinbarten Preis bezahlt und dafür im Gegenzug mit seinem Telefon das Mobilfunknetz des Anbieters nutzen darf. Das ist unseres Wissens in den meisten Ländern so geregelt, auch in den Ländern, aus denen gerade viele Menschen nach Deutschland kommen. Insofern wissen wir nicht, wo Sie da Klärungsbedarf sehen.
      Und ob Hartz-4-Empfänger Smartphones haben sollten? Das müssten Sie bitte diese Menschen selbst fragen. Wir vermuten: Die meisten werden eins besitzen. Inwiefern ist das eine Frage für asylfakten.de?
      Viele Grüße aus der Redaktion

  2. Ihre Antwort beantwortet nicht die Frage. Wir reden hier von Flüchtlingen und nicht von Urlauber, die zu Hause noch einen angemeldeten Wohnsitz haben.
    Meines Wissens haben Flüchtlinge solch eine Not, dass sie alles Hab und Gut stehen gelassen haben. Also, wie kann es sein, dass deren Handy funktioniert, obwohl sie keine Rechnungen zahlen können? Oder sind das alles keine Flüchtlinge?

    1. Hallo Tom dob, welche Frage sehen Sie unbeantwortet? Die Ausgangsfrage oder Peters? Wir sehen eigentlich bei beiden keine unberücksichtigten Fakten. Vielleicht zu Ihrer Frage nur so viel: Ob ein Handy funktioniert, ist unseres Wissens keine Frage der Herkunft und Lebensgeschichte des Nutzers. Flüchtlinge oder Asylbewerber, die hier in Deutschland Schutz gefunden haben, nutzen unserer Erfahrung nach häufig hier erhältliche Pre-Paid-SIM-Karten, die sie aus ihren zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln bezahlen. Ihre zweite Frage verstehen wir nicht.
      Grüße aus der Redaktion!

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