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Warum gerade Deutschland?

Warum gerade Deutschland?

Warum gerade Deutschland?

Deutschland ist eines der attraktivsten Zielländer für Flüchtlinge aus verschiedenen Herkunftsstaaten und das nicht erst seit Angela Merkel in einem Interview mit Anne Will den berühmten Satz „Wir schaffen das“ gesagt hat. Laut den aktuellsten Vergleichszahlen der europäischen Statistikbehörde nahm Deutschland im 3. Quartal 2015 über ein Viertel aller in Europa registrierten Asylbewerber auf – Ungarn übrigens fast genauso viele. [Update, 1.7.2016]: Ein User hat uns darauf hingewiesen, dass der Vergleich des Ziellands Deutschland mit dem Transitland Ungarn in Bezug auf die Asylbewerber-Zahlen „Quatsch“ sei. Die Zahlen – und damit der Vergleich – stammen allerdings von Eurostat und es gibt inzwischen eine Aktualisierung für 2015, die Ungarn mit 17,7 Asylbewerbern pro 1.000 Einwohner sogar zum Land mit den meisten Antragstellern „kürt“. Dass die meisten Flüchtlinge das Ziel ihrer Reise aber normalerweise nicht in Ungarn sehen, halten wir für ähnlich wahrscheinlich wie vermutlich unser Leser. Denn ihre Aussichten auf Asyl sind dort extrem schlecht: 2015 hat Ungarn nur 3.900 Anträge auf Asyl bearbeitet und davon ganze 545 Anträge anerkannt (Quote: 14,0 %), in Deutschland wurde im gleichen Zeitraum über 148.000 Menschen (43,2 %) dieser Schutz gewährt. Danke für den Hinweis!]
Im 2. Quartal war es sogar mehr als ein Drittel gewesen, jeweils die mit Abstand größte Anzahl unter allen EU-Staaten. Woran liegt das? Was macht Deutschland so anziehend?

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (kurz BAMF) untersuchte im Jahr 2013 anhand einer Expertenbefragung, welche Einflussfaktoren bei der Wahl des Zielstaates für Flüchtlinge eine Rolle spielen. Viele davon dürften auch heute noch aktuell sein. Das Ergebnis der Befragung: Es ist ein mehrstufiger, komplexer Prozess. Hier eine Auswahl der wichtigsten Faktoren:

Netzwerke

Sehr wichtig für die Entscheidungsfindung sind bestehende Communities und Netzwerke im Zielstaat. Der BAMF-Bericht zeigte seinerzeit unter anderem, wo in Deutschland besonders viele Afghanen (Seite 110) und Iraker (Seite 111) lebten. Diese Orte waren deshalb automatisch Ziel weiterer Flüchtlinge aus diesen Herkunftsländern.

Neben der Nationalität haben aber auch ethnische und/oder religiöse Kontakte einen Einfluss auf die Zielstaatenwahl (Seite 162). Dieser Effekt verstärkt sich, je mehr Menschen aus dem jeweiligen Herkunftsland bereits in einer Region leben. Der Studie zufolge hat(te) Deutschland eine besondere Anziehungskraft auf Menschen aus Afghanistan, Irak, Iran, der Türkei, der Rus­sischen Föderation sowie aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien. Sie alle treffen in Deutschland auf Landsleute, was den Neustart erheblich erleichtern kann.

Sicherheit

Ebenso wichtig ist für die fliehenden Menschen die Sicherheit im Zielstaat. Aufgrund von Krieg, Verfolgung, Krankheit oder Armut stellen sie Erwartungen an das Sicherheitsniveau. Dabei ist Deutschland besonders interessant, denn es genießt diesbezüglich international einen guten Ruf „in Hinsicht auf das demokratische System, die Rechtssicherheit, die religiöse Toleranz der Gesellschaft, die wirt­schaftliche Stabilität, die Möglichkeiten medizinischer Versorgung sowie die Qualität des Bildungssystems.“ (Seite 162)

Ein Kriterium bei der Entscheidungsfindung ist auch die Asylpolitik in Deutschland. Auch wenn laut dem Bericht „in der Mehrzahl der Fälle konkrete Regelungen kaum im Detail bekannt [sind]“, fließen Informationen über die Netzwerke der Flüchtlinge, über soziale Medien und über Schleuser-Organisationen. (S. 163) So dürften beispielsweise Flüchtlinge aus Syrien, dem mit Abstand am stärksten vertretenen Herkunftsland, wohl recht gut über die Chancen auf eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland informiert sein. Deren Anerkennungsquote lag laut BAMF-Statistik im Jahr 2015 bei 95,8 Prozent. Andere Staaten, besonders in Osteuropa, geben sich wesentlich abweisender.

Wirtschaftskraft

Die starke Wirtschaft ist ein weiterer Grund für viele Flüchtlinge, Deutschland als Zielland auszuwählen. Sie erhoffen sich eine gute Zukunftsperspektive und einen Arbeitsplatz. „Wer aus einer Krisenregion komme, suche in erster Linie Wohlstand und Geborgenheit“, zitiert MDR Info den Direktor des Berliner Instituts für Migrationsforschung, Wolfgang Kaschuba. Die positiven Erfahrungen, die Asylsuchende in Deutschland machten, sprächen sich herum und würden über soziale Netzwerke verbreitet. „Die befragten Experten verweisen darauf, dass daher bei den Asylantragstellern in Deutschland die Hoffnung auf Arbeit einen hohen Stellenwert einnimmt. Der deutsche Arbeitsmarkt wird als vielversprechend wahrgenommen“, heißt es im BAMF-Bericht (S. 133)

Weitere Faktoren

Der Report des BAMF geht noch auf weitere Kriterien ein, die bei der Zielstaatenwahl von Flüchtlingen eine Rolle spielen. Im Zusammenhang mit der Entscheidung für Deutschland sind dabei unter anderem zu nennen:

  • „Mit dem Flughafen Frankfurt/Main ist ein internationales Drehkreuz gegeben, das von den meisten Herkunftsregionen mit direkten Verbindungen unmittelbar erreicht werden kann. Damit ist Deutschland theoretisch für Asylsuchende ein auf dem Luftweg sehr gut erreichbarer Zielstaat.“ [Update, 1.7.2016: Die Einreise per Flugzeug macht in der derzeitigen Flüchtlingskrise nur einen sehr geringen Anteil aus: Laut aktueller BAMF-Zahlen dürften nur 0,7 % aller Asylantragsteller im Jahr 2015 über den Luftweg nach Deutschland gekommen sein. Im Jahr 2013, aus dem die hier zitierte Studie des BAMF stammt, war der Anteil mit 1,1 % nur unwesentlich höher. Schon damals wurde dieser Fluchtweg sicherlich nicht zufällig als „theoretisch“ bezeichnet.]
    Sowie: „Im Falle Deutschlands scheint eher seine günstige Positionierung auf den wichtigen Migrationsrouten nach und durch Europa eine Zielstaatsentscheidung zu befördern.“
  • „Schleuser und Menschenschmuggler sind als Akteure im Migrationskontext allgemein, aber besonders im Fall von Fluchtmigration, (…) seit längerem als wichtige Einflussgröße anerkannt.“
  • „So sieht eine Expertin die Funktionsweise des deutschen Gesundheitssystems mit seiner breiten Grundversorgung als ausschlaggebend.“
  • Aber auch: „Unabhängig davon, wie sich einzelne Zielstaatsvorstellungen genau gestalten, ist folglich der Zufall ein existentes Phänomen im Kontext der Zielstaatswahl.“
Redaktion

Redaktion

Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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