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[Update] Warum eskaliert in Asylunterkünften häufig die Gewalt?

[Update] Warum eskaliert in Asylunterkünften häufig die Gewalt?

asyl_gewalt02Beinahe täglich liest man von Gewalt in Asylbewerber-Heimen. Egal, welches Bundesland: Es wird von Massenschlägereien berichtet, von Raufereien mit Eisenstangen, sexuellen Übergriffen auf Frauen und Kinder oder auch von tödlich endenden Messerattacken. Der Leser gewinnt dabei zunehmend den Eindruck, dass Gewalt in Asylheimen an der Tagesordnung ist. Ist das tatsächlich so? Und wenn ja, warum?

Die Situation in Sachsen

Leider haben wir kaum belastbare Zahlen gefunden, um das Gefühl der scheinbar permanenten Gewalt in Asylheimen zu be- oder widerlegen. Immerhin liegen der WELT aus Sachsen Zahlen des Polizeilichen Auskunftssystems mit „Tatörtlichkeit Asylbewerberheim“ vor. Demnach gab es „in der ersten Jahreshälfte 2015 in den Heimen des Freistaats 10 sogenannte Straftaten gegen das Leben, die alle Formen der Tötung oder der versuchten Tötung eines Menschen umfassen, darunter ein Mord. […] Überdies wurden für die Monate Januar bis Juni 164 schwere und gefährliche Körperverletzungen gezählt, 184 einfache Körperverletzungen und eine Vergewaltigung.“ Zur ungefähren Einordnung: Ende Juni lebten knapp 21.000 Asylbewerber in Sachsen, etwa die Hälfte von ihnen war in Heimen untergebracht.

Update (29.6.2016): Inzwischen hat das sächsische Innenministerium über Gewalt in Flüchtlingsheimen offiziell informiert. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage eines AfD-Landtagsabgeordneten (Drucksache 6/3329) heißt es: „Recherchiert wurden daher im Polizeilichen Auskunftssystem Sachsen (PASS) die Rohheitsdelikte sowie die Straftaten gegen die persönliche Freiheit im Freistaat Sachsen mit der Tatörtlichkeit „Asylbewerberheim“ für den Zeitraum vom 1. Januar 2015 bis 30. November 2015. Im Ergebnis wurden 1. 006 Straftaten ermittelt.“ Zu diesen Delikten zählen u. a. Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Nötigung und Raub.

Dazu wurden 14 Tötungsdelikte erfasst: 3 Personen wurden zwischen Januar und November in sächsischen Asylbewerberheimen von Mitbewohnern getötet, die anderen 11 Fälle waren versuchter Totschlag bzw. ein versuchter Mord. Damit wurde die Hälfte aller durch Zuwanderer 2015 verübten Straftaten gegen das Leben in Unterkünften verübt: Die Sächsische Kriminalitätsstatistik hatte 28 Fälle (5 vollendete) insgesamt für das vergangenen Jahr ausgewiesen. Dort hieß es auch, dass in den Unterkünften 14 Prozent aller durch Zuwanderer verübten Straftaten verzeichnet wurden, zu 43 Prozent handelte es sich dabei um Körperverletzungen.

Hinzu kommen in diesem Zeitraum außerdem 11 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, darunter 6 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und 4 Vergewaltigungen.

In diesem Zeitraum wurden in Sachsen knapp 70.000 ankommende Asylbewerber erfasst. Aktuellere Zahlen zur Kriminalität in den Unterkünften liegen bisher nicht vor.

Polizeieinsätze und Strafverfolgung

Wie oft die Polizei wegen Eskalationen in Heimen eingreifen muss, ist ebenfalls schwer zu beziffern. Nur für Nordrhein-Westfalen liegen Zahlen für die Zeit von Januar bis Juli 2015 vor: 1.288 Mal musste die Polizei zu Einsätzen in Flüchtlingsheimen ausrücken. Etwa 100.000 Asylbewerber lebten Ende Juni im bevölkerungsreichsten Bundesland. „Dabei wurden 499 Straftaten erfasst. Diese Zahlen beziehen sich jedoch nur auf die Einrichtungen des Landes – zu den mehr als 2.000 Unterkünften in kommunaler Verwaltung liegen dem Innenministerium keine aussagekräftigen Daten vor“, heißt es bei der WELT.

Update (29.6.2016): Auch zur Zahl der Polizeieinsätze gibt es etwas aktuellere Daten. Bei der WELT heißt es

2015 registrierte die Polizei zwar mehrere Zehntausend zusätzliche Einsätze. Allein in den vom Land Nordrhein-Westfalen betriebenen Unterkünften waren es fast 78.000, wie die „Welt“ vom dortigen Innenministerium erfuhr. Dabei handelte es sich allerdings in rund 90 Prozent der Fälle um Präsenz vor Ort, präventive Aufklärung und Information von Bürgern.

Die übrigen zehn Prozent umfassten „insgesamt 7759 außenveranlasste Einsätze“, bei denen die Polizei „aufgrund eines konkreten Anlasses“ vor Ort war, wie zum Beispiel Hilfeersuchen, Straftaten, Brandmeldungen oder politisch motivierte Straftaten. Das erklärte die Bezirksregierung Arnsberg der „Welt“. Der weitaus größte Anteil der polizeilichen Einsätze hatte „daher präventiven Charakter, um die Präsenz und Ansprechbereitschaft der Polizei deutlich zu machen“.

Während Baden-Württemberg gegenüber der Zeitung 36.000 Polizeieinsätze in landeseigenen Unterkünften angibt, war aus anderen Bundesländern – darunter explizit auch Sachsen – keine solche Statistik zu erhalten.

Erste Studie zu Gründen

Warum kommt es in Asylunterkünften überhaupt zu Ausschreitungen? Eine Studie im Auftrag des Innenministeriums Brandenburg, die der WELT vorliegt, liefert erste Anhaltspunkte:

„Darin wird festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit der Eskalation von Konflikten und deren Häufigkeit mit zunehmender Belegungsdichte, wenig Beschäftigungsmöglichkeiten und wachsender Vielfalt der Herkunftsregionen steigt.“

Und weiter: „Fast alle befragten Bewohner und Betreuer führen Auseinandersetzungen auf Unverständnis gegenüber Eigenheiten der anderen Gruppe zurück. ‚Immer wieder wurde Hass zwischen unterschiedlichen Nationalitäten oder Religionen als letztliche Ursache benannt‘, schreiben die Forscher. Die Süddeutsche berichtet in Bezug auf die Studie: „Gewalt gibt es demnach durchaus, aber eben nicht in allen Unterkünften. Entscheidend dafür, ob Konflikte eskalierten, seien unter anderem bauliche Voraussetzungen, also wie viele Menschen auf wie engem Raum zusammenleben – und ob sich 40 oder nur 4 Flüchtlinge Küche und Bad teilten.“

Lösungsansätze

Wie man die Eskalationen der Gewalt in Asylheimen vermeiden kann, dazu gibt es einige Ansätze und Vorschläge: Menschen nach Religionen getrennt unterzubringen wird kontrovers diskutiert. Auch separate Unterkünfte für Frauen und Kinder sind im Gespräch oder zumindest nach Geschlechtern getrennte Duschen.

Sind das zufriedenstellende Antworten?

Ganz ehrlich? Nein. Dennoch haben wir uns entschieden, den Beitrag zu veröffentlichen. Der sehr schwierigen und häufig gestellten Ausgangsfrage wollten wir zumindest mit einigen differenzierten Zahlen und Ansätzen begegnen.
Wir werden die Entwicklung weiter beobachten und die Situation neu betrachten, sobald belastbare Zahlen und Untersuchungen vorliegen. Was bereits heute unbestritten ist: Gewalttätige Asylbewerber werden vor dem Gesetz genauso behandelt wie straffällige Deutsche. Allerdings hat ein Strafverfahren kaum Einfluss auf das Asylverfahren.

Update (29.6.2016): Der letzte Satz ist mittlerweile überholt. Nach Verabschiedung des Asylpaketes II hat ein Strafverfahren inzwischen sehr wohl Auswirkungen auf ein Asylverfahren. Näheres dazu in diesem ebenfalls aktualisierten Beitrag: Hat eine Straftat Einfluss auf das Asylverfahren?

Redaktion

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Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

Videohinweis: 140 Sekunden über Hoaxmap

Presse- und Twitter-Schau: Sächsische Zeitung veröffentlicht Nationalität von Tatverdächtigen

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