geschlossen
Warum beantragen „Wirtschaftsflüchtlinge“ Asyl statt sich einfach einen Job zu suchen?

Warum beantragen „Wirtschaftsflüchtlinge“ Asyl statt sich einfach einen Job zu suchen?

30. November 2015

Asyl Wirtschaftsflüchtlinge

Sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge haben es in Deutschland nicht leicht: Ihr Ruf könnte schlechter kaum sein. Sie kommen häufig als Asylbewerber in unser Land, um der Armut zu entfliehen – nicht Verfolgung oder Tod wie etwa die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Sie möchten ein besseres Leben führen als sie es in ihrem „sicheren Herkunftsstaat“ – das sind zurzeit die Länder der EU, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Ghana, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Senegal und Serbien – je könnten.

Warum aber beantragen sie dafür Asyl in Deutschland? Können sie nicht einfach eine Arbeitserlaubnis beantragen, sich um Arbeit bewerben und dann herkommen? Nein, so einfach ist es für Menschen, die aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland wollen, eben nicht.

Nur Hochschulabsolventen dürfen auf den deutschen Arbeitsmarkt

Das Auswärtige Amt drückt sich in Bezug auf Ausländer, die in Deutschland arbeiten möchten, so aus:

„Grundsätzlich ist der Zugang zum Arbeitsmarkt auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt und bedarf in der Regel der vorherigen Zustimmung der Arbeitsverwaltung. […] Für Nicht- bzw. Geringqualifizierte bestehen […] nur eingeschränkte Möglichkeiten des Arbeitsmarktzugangs. Für gut qualifizierte Ausländer, z. B. akademische ausgebildete Fachkräfte, wurden dagegen die rechtlichen Hürden für eine Arbeitsaufnahme in Deutschland weiter abgesenkt.“

Wer also nicht in besonderer Weise qualifiziert ist, hat in Deutschland und der Europäischen Union kaum eine Chance auf eine Aufenthalts- und damit verbundene Arbeitserlaubnis. Genau genommen ist ein Anspruch auf eine solche „Blaue Karte“ laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nur unter folgenden Bedingungen gegeben:

  1. Es ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium nachzuweisen. Wenn der Hochschulabschluss nicht in Deutschland erworben wurde, muss der Abschluss entweder anerkannt oder mit einem deutschen Hochschulabschluss vergleichbar sein.
  2. Es muss entweder ein konkretes Arbeitsplatzangebot vorliegen oder ein bereits unterschriebener bzw. bereits bestehender Arbeitsvertrag und
  3. damit mindestens ein bestimmtes Bruttojahresgehalt erreicht werden.

Unmissverständlich fügt das BAMF noch hinzu:

Momentan besteht keine Möglichkeit, ohne Hochschulabschluss eine Blaue Karte EU in Deutschland zu erhalten.

Schlechte Aussichten für Geringqualifizierte

Doch für viele Menschen aus den trotz allem armen „sicheren Herkunftsstaaten“ ist es kaum möglich, sich für eine Blaue Karte „hochzuarbeiten“. Die wenigsten können sich ein Studium überhaupt leisten. Und gerade dort ist die Arbeitslosenquote besonders hoch: 21 Prozent der Menschen waren 2014 in Serbien arbeitslos, 29 Prozent in Mazedonien und 25,5 Prozent in Bosnien und Herzegowina. Zum Vergleich: In Deutschland lag die Arbeitslosenquote im Jahr 2014 bei 6,5 Prozent. Es dürfte oft pure Verzweiflung sein, die diese Menschen antreibt, vor der Not zu fliehen und als Asylbewerber ihre Chance zu suchen.

Doch auch dafür sind die Aussichten denkbar schlecht: „Die Asylanträge dieser Personen haben keine Aussicht auf Erfolg, die Schutzquote bei diesen Herkunftsländern liegt unter einem Prozent“, sagte der damalige BAMF-Präsident Dr. Manfred Schmidt, im März über die Westbalkan-Staaten Albanien, Kosovo, Serbien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro.

Menschen aus diesen Ländern haben also kaum eine Chance, in Deutschland bleiben zu können – ob nun als „normaler“ ausländischer Arbeitsuchender oder als Asylbewerber.

 

Lesehinweis passend zum Thema: Asyldebatte – Ein Lob dem Wirtschaftsflüchtling“ Ein Kommentar von Ralph Bollmann für www.faz.net

Redaktion

Redaktion

Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

Warum gibt es keinen Volksentscheid zum Asylrecht?

Flüchtlinge

Müsste Deutschland laut Dublin-Verordnung nicht viel weniger Flüchtlinge aufnehmen?

Kommentar hinterlassen