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Warum beantragen Flüchtlinge kein Asyl in Balkan-Ländern?

Warum beantragen Flüchtlinge kein Asyl in Balkan-Ländern?

21. Dezember 2015

Asyl, Balkan

Das schreibt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR in einem englischsprachigen Artikel. über Serbien, Montenegro, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien und den Kosovo. Dies zeige sich vor allem in Schwierigkeiten bei der Beantragung von Asyl, unzureichenden Aufnahmestrukturen, niedrigen Anerkennungsraten und mangelnden Integrationschancen. Natasha Wunsch, Balkanexpertin bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, erklärt auf unsere Anfrage, dass die niedrigen Anerkennungsquoten in diesen Ländern das Resultat der vielen Flüchtlinge aus den Balkankriegen Mitte der 1990er-Jahre sind. Die Bereitschaft, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, sei äußerst gering. Die Expertin weiter:

Schließlich erschweren wirtschaftliche Probleme und die geringe Durchmischung der Bevölkerung die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen.

All diese Gründe seien nach Wunschs Angabe dafür verantwortlich, dass Flüchtlinge in westeuropäische Staaten weiterziehen. Dort treffen sie oftmals auf Verwandte oder Bekannte, die ihnen bei ihrer Ankunft beistehen und sie bei den notwendigen Formalitäten des Asylantrags unterstützen können.

Wird sich an der Situation in absehbarer Zeit etwas ändern?

Die meisten der Balkanstaaten sollen bald in die Europäische Union aufgenommen werden. Dazu laufen Beitrittsverhandlungen. Eine Voraussetzung, um in die EU aufgenommen zu werden, ist ein funktionierendes Asylsystem. Die Europäische Kommission hat Berichte zu jedem Beitrittkandidaten auf ihrer Website veröffentlicht. Als Beispiel zeigen wir hier einige Zahlen für Serbien aus dem Jahr 2014 (siehe Seite 60 – der Bericht ist auf Englisch):

  •  1400 Menschen wurden als Asylbewerber registriert.
  • Davon stellten 400 einen Asylantrag.
  • Nur 18 Menschen wurden zu ihren Fluchtgründen angehört.
  • Über 14 Asylanträge wurde entschieden.
  • Davon waren acht negativ, eine Person bekam Flüchtlingsstatus und fünf weitere Personen andere Formen von Schutz.

Im benachbarten Mazedonien ist die Lage ähnlich. Hier stellten im Jahr 2015 bisher 1.700 Menschen einen Asylantrag – drei Menschen erhielten Flüchtlingsstatus.

Die Region bringt selbst viele Migranten hervor

Theresia Töglhofer, ebenfalls Balkanexpertin bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, fügt noch hinzu, dass in den Balkanstaaten die Lebensbedingungen für die einheimische Bevölkerung bereits sehr schwierig sind:

Insbesondere wurde die Region von der Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise der letzten Jahre stark getroffen, was den bescheidenen Lebensstandard weiter verschlechtert.

Zudem ist die Arbeitslosigkeit in Ländern wie Serbien oder Mazedonien mit 20 bis 30 Prozent sehr hoch – etwa die Hälfte der Jugendlichen hat keinen Job. Auch für die, die Arbeit haben, ist die die Situation schwierig, denn ein durchschnittliches Monatsgehalt liegt bei 450 bis 500 Euro. Die Expertin weiter:

Die triste wirtschaftliche Lage und die Perspektivenlosigkeit vieler Menschen führen auch dazu, dass viele, insbesondere junge Menschen aus der Region auswandern. Die Migrationsströme gehen also nicht nur durch die Region, sie kommen auch aus ihr. Dies kann auch als Zeichen dafür gewertet werden, dass viele Menschen die Hoffnung auf eine Besserung der Situation in ihren Ländern aufgegeben zu haben scheinen. Hier ist auch die EU gefragt, neue Wege zu finden, wie sie mit dem EU-Annäherungsprozess konkrete und spürbare Verbesserungen in das Alltagsleben der Menschen bringen kann.

Redaktion

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Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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