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Sind Ausländer krimineller als Deutsche?

Sind Ausländer krimineller als Deutsche?

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Zunächst einige wichtige Vorbemerkungen. Wir greifen diese Frage auf, weil sie oft gestellt wird. Nicht, weil wir finden, dass sie in ihrer Formulierung berechtigt ist. Denn:

  1. Die Frage suggeriert, dass Deutsche und Ausländer per se kriminell sind. Das ist also eine realitätsferne Formulierung.
  2. Der angesprochene Vergleich ist sehr zweifelhaft, um nicht zu sagen rassistisch, schreibt das Projekt „Berliner Oberstufenzentren für Demokratie und Vielfalt“: „Nicht die Nationalität wird straffällig, sondern eine Einzelperson. Wenn eine Person kriminell wird, dann durch Einflüsse seines Umfeldes oder auch durch seine gesellschaftliche Stellung. (…) Kriminalität hat demnach eher soziale, nicht ethnische Ursachen.“
  3. Dennoch wollen wir versuchen, dem Vorurteil mit Fakten zu begegnen. Die Frage lautet dabei wohl eher so: Werden Nichtdeutsche relativ gesehen häufiger straffällig als Deutsche?

Die Lage in Sachsen

Bevor wir uns an einer Einordnung versuchen, sehen wir uns die Fakten an. Der Kriminalitätsbericht der sächsischen Polizei aus dem Jahr 2014 gibt einen Überblick über die Herkunft von Straftätern:

  • Insgesamt wurden 2014 etwa 330.000 Straftaten in Sachsen erfasst.
  • Bei einem Drittel der Straftaten konnte die Polizei Tatverdächtige ermitteln – knapp 82 Prozent mit deutscher und etwa 18 Prozent mit nicht-deutscher Herkunft.
  • Fast 40 Prozent aller nichtdeutschen Tatverdächtigen verstießen jedoch gegen das Aufenthaltsgesetz, das Asylverfahrensgesetz oder das Freizügigkeitsgesetz der EU. Diese Taten werden von „allgemeinen Straftaten“ wie Diebstahl oder Gewaltdelikten unterschieden, weil sie von Deutschen gar nicht begangen werden können.
  • „Damit besaßen 12,8 Prozent aller Tatverdächtigen, die im Zusammenhang mit allgemeinen Straftaten bekannt wurden, keine deutsche Staatsbürgerschaft.“
  • Unter den nichtdeutschen Tatverdächtigen (allgemeine Straftaten) waren 2.989 Asylbewerber – 2,8 Prozent aller Tatverdächtigen.

Was man dazu wissen muss

In einer solchen Polizeistatistik ist immer von „Tatverdächtigen“ die Rede. Mit der Zahl der verurteilten Straftäter hat die nichts zu tun. „Nur etwa ein Drittel der Tatverdächtigen wird später rechtskräftig verurteilt“, schreibt der Soziologe Rainer Geißler. Deshalb sagt diese „Tatverdächtigenstatistik“ nur bedingt etwas über die tatsächliche Kriminalität aus.

Und dennoch: Wenn 2014 also 12,8 Prozent aller Tatverdächtigen in Sachsen nichtdeutscher Herkunft waren, ihr Bevölkerungsanteil aber nur 2,9 Prozent betrug – ist das nicht der Beweis, dass Ausländer doch öfter kriminell werden? Tatsächlich schreibt die Bundesregierung in ihrem „2. Periodischen Sicherheitsbericht“:

Allerdings sind sie [die Zuwanderer ohne deutsche Staatsangehörigkeit (Ausländer)] in der Polizeilichen Kriminalstatistik höher belastet als Deutsche, selbst wenn Verzerrungsfaktoren wie Verstöße gegen das Ausländerrecht und die Tatverdächtigengruppe der Illegalen und Touristen ausgeschlossen werden.

Man muss es also mal so klar sagen: Ja, laut verschiedenen Statistiken werden Nichtdeutsche häufiger straffällig als Deutsche.

Aber?

Warum dieser Vergleich dennoch hinkt, erklärt das Bundeskriminalamt in seiner Polizeilichen Kriminalitätsstatistik 2014:

  • Ein Vergleich der tatsächlichen Kriminalitätsbelastung der nichtdeutschen Wohnbevölkerung mit der deutschen ist schon wegen des Dunkelfeldes der nicht ermittelten Täter in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht möglich.

  • Die Kriminalitätsbelastung der Deutschen und Nichtdeutschen ist zudem aufgrund der unterschiedlichen strukturellen Zusammensetzung (Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur) nicht vergleichbar: Die sich in Deutschland aufhaltenden Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft sind im Vergleich zur deutschen Bevölkerung im Durchschnitt jünger und häufiger männlichen Geschlechts. Sie leben eher in Großstädten, gehören zu einem größeren Anteil unteren Einkommens- und Bildungsschichten an und sind häufiger arbeitslos. Dies alles führt zu einem höheren Risiko, als Tatverdächtige polizeiauffällig zu werden.

Fazit

Ja, Ausländer sind objektiv belegbar anfälliger für Kriminalität als Deutsche. Aber Deutsche, die unter den oben beschriebenen Rahmenbedingungen leben, fallen ebenfalls häufiger durch Kriminalität auf als der Durchschnitts-Deutsche. Nicht die Herkunft ist also das Problem, sondern die Lebensumstände. Und die sind bei vielen Ausländern und erst recht Flüchtlingen in Deutschland prekär.

Wer weitere Erhellung zu diesem Thema sucht, wird unter anderem hier fündig:

In der Regel ist aufgrund mangelnder langfristiger Perspektiven die Kriminalitätsbelastung höher, wenn der Aufenthaltsstatus unsicher ist.

Redaktion

Redaktion

Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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