geschlossen
Presse- und Twitter-Schau: Sächsische Zeitung veröffentlicht Nationalität von Tatverdächtigen

Presse- und Twitter-Schau: Sächsische Zeitung veröffentlicht Nationalität von Tatverdächtigen

Die Sächsische Zeitung sorgt mit einer redaktionellen Entscheidung für Aufsehen:

160704_sz
Der Original-Beitrag der SZ vom Samstag: Fakten gegen Gerüchte

Korrekterweise müsste es eigentlich „von Tatverdächtigen“ heißen, denn von denen ist in den gedruckten Polizeiberichten meist die Rede. Bei asylfakten.de haben wir uns mit dem Thema bereits auseinandergesetzt: „Die Polizei veröffentlicht häufig keine Nationalität von Tatverdächtigen. Warum?“ Hintergrund der Entscheidung von Chefredakteur Uwe Vetterick und seinen Kollegen ist eine Abonnenten-Befragung aus dem Frühjahr, schreibt Oliver Reinhard in dem Beitrag für die SZ:

Gerade das Nichtnennen der Nationalität von Straftätern und Verdächtigen kann Raum für Gerüchte schaffen, die häufig genau denen schaden, die wir doch schützen möchten. Wie die meisten unserer Kollegen halten auch vier von fünf SZ-Abonnenten die Nennung der Nationalität von Tätern nicht für diskriminierend und plädieren ebenfalls dafür, die Nationalität zu nennen.
Deshalb haben wir nach durchaus kontroversen Diskussionen beschlossen, uns bei der Berichterstattung über Ausländerkriminalität ab heute nicht mehr an die Richtlinie des Deutschen Presserates zu halten. Stattdessen werden wir künftig die Herkunft von Straftätern oder Verdächtigen in jedem Fall angeben. Egal, ob es sich dabei um Deutsche handelt, was die Regel ist, oder um Ausländer.

Eines der Probleme dabei: Damit verstößt die Sächsische Zeitung von nun an wissentlich gegen den Pressekodex des Deutschen Presserates, in dem sich die Branche darauf verständigt, die Nationalität bei Straftaten nur bei einem „begründeten Sachbezug“ zu nennen – auch um die Stigmatisierung von Minderheiten zu verhindern.

Ablehnung und Neugier: Das sagen Experten

Der Presserat und der Deutsche Journalistenverband sind sich in ihrer Kritik an der Entscheidung gegenüber dem Tagesspiegel einig:

Ihre Entscheidung, sich an die Richtlinie 12.1 nicht mehr zu halten, hat die „Sächsische Zeitung“ dem Presserat zuvor angekündigt. Der ist wenig begeistert, wie Sprecherin Edda Eick auf Tagesspiegel-Anfrage sagte. Sie wirbt dafür, dass Zeitungen und andere Medien in jedem Einzelfall genau prüfen, welche Informationen genannt werden und welche nicht.

Nicht einverstanden mit der neuen Praxis der „Sächsischen Zeitung“ ist auch der Deutsche Journalistenverband (DJV). „Die Anwendung des Pressekodex kann keine einseitige Rosinenpickerei sein“, erklärt der Bundesvorsitzende Frank Überall dem Tagesspiegel. „Wenn sich eine Mehrheit demokratisch auf Regeln einigt, muss man das akzeptieren.

In seinem Beitrag zitiert der in der Flüchtlingsfrage sehr umtriebige Sachsen-Korrespondent Matthias Meisner auch Karolin Schwarz, die das Portal @hoaxmap betreibt und die SZ-Entscheidung ebenfalls falsch findet, wie sie in ihrem Blog, auf Twitter…:

… und in einer lebendigen Diskussion bei Facebook deutlich macht.

Schwarz argumentiert bei ihrer Kritik insbesondere mit dem Umstand, dass die Medien sowieso nur über das berichten könnten, was die Pressestellen der Polizei bereits vorselektiert haben – was auch dieser Twitter-Nutzer anmerkt:

Auch die Medien-Blogger von Übermedien haben sich unter dem Titel „Auch Deutsche unter den Tätern“ mit dem SZ-Modell beschäftigt. In ihrem Beitrag bezweifelt der Medienpsychologe Frank Schwab, dass viele Leser das zukünftig vielleicht realistisch abgebildete Verhältnis zwischen deutschen und ausländischen Tatverdächtigen überhaupt wahrnehmen:

„Leute, deren Überzeugungen noch nicht so verfestigt sind, können davon profitieren. Bei den anderen wird es schwierig.“ Bei denen, die in ihrem Weltbild überzeugt sind, könne die neue Praxis sogar dazu führen, dass sie sich von der Zeitung abwenden, weil sie die Häufung von Verdächtigen deutscher Herkunft sich durch eine „absichtliche bösartige Auswahl“ erklären.

SZ-Chef Vetterick hält dem aber entgegen, dass es der Auftrag der Zeitung auch nicht „Erziehung“ der Leser sei, sondern Informationsvermittlung:

 Es geht darum, die Wahrnehmung der Menschen an die tatsächliche Wahrheit so gut es geht heranzuführen.

 

Heftige Debatte: Pro & Contra auf Twitter

Auf Twitter hat die Ankündigung der Sächsischen Zeitung erwartungsgemäß zu einer kontroversen Debatte geführt. Während es aus Sicht der einen in der Berichterstattung – aus verschiedenen Gründen – höchste Zeit für einen solchen Schritt wurde…

… kommt die Entscheidung der größten Tageszeitung Ostsachsens für andere einem Einknicken gegenüber misstrauischen Bürgern und einem Verrat an journalistischen Grundsätzen gleich:

https://twitter.com/Anina_Hundekeks/status/749227533347020802

Manche User stellen interessante Fragen, auf deren Beantwortung wir sicherlich noch ein wenig warten müssen …

Fazit?

PS: Humor hilft immer!

 

Redaktion

Redaktion

Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

[Update] Warum eskaliert in Asylunterkünften häufig die Gewalt?

Wie ist die Situation unbegleiteter Kinder und Jugendlicher?