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Nehmen uns Asylbewerber die Arbeitsplätze weg?

Nehmen uns Asylbewerber die Arbeitsplätze weg?

3. Dezember 2015

Asyl Arbeitsplätze

„Kommen her und nehmen uns die Arbeit weg!“, lautet eine oft formulierte Sorge aus der Bevölkerung. Stimmt das tatsächlich? Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Drei Hürden für Asylbewerber, die Arbeit suchen

Während der ersten drei Monate dürfen Asylbewerber, mit Ausnahme von Ein-Euro-Jobs, überhaupt nicht arbeiten. Erst nach dieser Frist können sie eine „eingeschränkte Arbeitserlaubnis“ beantragen. Wie kompliziert das ist, haben wir bereits an dieser Stelle erklärt. Hürde Nummer 3: Die Vorrangprüfung. Diese erfolgt in der Regel durch die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Und sie besagt, dass ein Asylbewerber eine Stelle nur dann antreten darf, wenn es keinen geeigneten deutschen oder EU-Bewerber dafür gibt. Diese Vorrangprüfung entfällt erst nach 15 Monaten.

Soweit zu den bürokratischen Formalitäten und Fakten. Schauen wir uns nun die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit an.

Historisch gute Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt

Bis Ende November 2015 waren 2.633.000 Personen in Deutschland arbeitslos gemeldet. Das waren 84.000 weniger als im Jahr zuvor. Ähnlich ist die Entwicklung in Sachsen: 158.548 Menschen waren im November 2015 ohne Job. Im Jahr zuvor waren es 13.400 mehr.  „Damit wurde ein neuer Höchststand bei der Erwerbs­tätigkeit seit der Wieder­vereinigung Deutschlands erreicht“, heißt es bei destatis.de (noch in Bezug auf die Oktober-Zahlen). Auch SPIEGEL online schreibt: „Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland war im November so gering wie seit 24 Jahren nicht mehr.“

Und was hat das jetzt mit den Asylbewerbern zu tun?

Zunächst: Es ist historisch gut bestellt um die Arbeitssituation der Deutschen. Hunderttausende Stellen bleiben unbesetzt. Das „garantiert zwar noch nicht, dass an jedem Ort für die vorhandenen Bewerber die passende Stelle verfügbar sind. Doch insgesamt sind die Bedingungen so günstig wie nie“, schreibt die FAZ. Und das nach einem Jahr „Flüchtlingskrise“, in dem hunderttausenden arbeitsfähige und -willige Menschen angekommen sind. Offensichtlich haben diese – unter anderem wegen der hohen bürokratischen Hürden und des verschiedentlichen „Schutzes“ inländischer Bewerber – bisher nicht für eine Verknappung von Arbeitsplätzen gesorgt. Im Gegenteil: Gerade der Lehrstellenmarkt wächst sich zum Problem aus, im Berichtsjahr 2014/15 blieben fast 41.000 Ausbildungsplätze unbesetzt.

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände schlussfolgert gegenüber der Süddeutschen Zeitung:

Wir brauchen in den nächsten 20 Jahren viel mehr Arbeitskräfte, als dieses Land hervorbringen wird.

Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, bläst gegenüber Zeit Online ins gleiche Horn:

Auf die Frage, ob Flüchtlinge deutschen Arbeitslosen mögliche Jobs wegnehmen, antwortete Weise: ‚Ausdrücklich nein. Die Firmen haben so viele offene Stellen wie noch nie und es fällt immer schwerer, diese zu besetzen.‘ Deutschland werde ohne Zuwanderung bis 2025 mehr als 6,5 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter verlieren und brauche daher ‚ganz klar die qualifizierte Zuwanderung‘.

Denn die möglichen Folgen der sinkenden Zahl der Erwerbspersonen sind drastisch. In einem Kommentar für den Deutschlandfunk bilanziert der Redakteur Gerhard Schröder:

Die Folgen sind absehbar: weniger Investitionen, weniger Jobs, und das alles vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft, in der immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren müssen. Zu einer gezielten Einwanderungspolitik, die diesen Trend umkehren könnte, hat der Politik bis heute die Kraft gefehlt. Um so wichtiger, dass wir nun die Chancen ergreifen, die sich mit der ungesteuerten Zuwanderung bieten. Also alle Kräfte mobilisieren, damit die Neuankömmlinge schnell heimisch werden und möglichst rasch selbst für ihren Unterhalt sorgen können.

Fazit

Asylbewerber nehmen „uns“ nicht nur nicht die Arbeit weg. Sie sind eine große Chance für die Zukunft unseres Landes. Das Zauberwort heißt auch hier: Integration.

Redaktion

Redaktion

Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

Lesehinweis: Politikwissenschaftler Klaus Schroeder über Sozialneid und Tabuisierung

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