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„Man wird erwischt!“

„Man wird erwischt!“

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„Unsicherheit“ ist in diesem Sommer ein Gefühl, das viele Menschen bewegt – in Europa, in Deutschland und auch in Sachsen. Gordian Meyer-Plath, Präsident des Sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz (links im Bild), und Jörg Michaelis, Präsident des Landeskriminalamts Sachsen, sehen es als ihre Aufgabe an, dieser diffusen Angst vor den diversen gefühlten Bedrohungen mit Fakten zu begegnen. In einem seltenen Doppel-Interview bewerten sie aus der Perspektive der Sicherheitsbehörden, wie es zurzeit um den Freistaat steht und welche Rolle dabei Zuwanderer spielen.

Herr Michaelis, Herr Meyer-Plath, nach einem Jahr Flüchtlingszustrom und einem aufgeheizten Demo-Geschehen schien sich die Sicherheitslage gerade etwas zu beruhigen. Nun aber steht dieser Sommer im Zeichen des Terrorismus in Europa und in Bayern: In welcher Verfassung ist Sachsen im Sommer 2016?

Gordian Meyer-Plath: Mit der Gefahr eines Terroranschlages leben wir als Sicherheitsbehörden und als deutsche Gesellschaft, die wir im Fokus des Islamismus stehen, mindestens seit dem 11. September 2001, eigentlich sogar schon viel länger. Natürlich erhöhen solche Taten, wie wir sie im Sommer erlebt haben, kurzfristig wahrscheinlich auch die Gefahr der Nachahmung. Aber die verschiedenen Täterprofile, den Schläfer, den kurzfristig Radikalisierten, den gefährlichen Rückkehrer, kennen wir schon sehr lange.

Jörg Michaelis: Wir müssen unterscheiden zwischen der objektiven Sicherheitslage und dem subjektiven Sicherheitsgefühl. Wir als Landeskriminalamt analysieren die Straftaten und orientieren uns in unseren Aussagen zunächst nur an Fakten. Tatsächlich glaube ich, dass jedoch das subjektive Sicherheitsgefühl zunehmend schlechter geworden ist. Das hat seine Ursachen aber woanders, z. B. in der medialen Präsenz von Themen, die mit unseren bis dato gewohnten Verhältnissen und damit unserem Gefühl von Sicherheit zu tun haben.

Zum Beispiel das Thema sexuelle Nötigung: Ich kenne einige Frauen, die sagen, dass sie sich nicht mehr trauen, abends durch die Stadt zu laufen. Dabei hat sich am Risiko, dass einer Frau etwas passiert, nichts geändert. Ja, die durch Zuwanderer begangenen Delikte haben zugenommen. Das liegt aber nicht nur an der im letzten Jahr deutlich gestiegenen Zahl der Zuwanderer, sondern auch daran, dass heute sehr schnell angezeigt wird, in einem Bereich, in dem wir bisher von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen sind. Durch das geänderte Anzeigeverhalten ist sehr viel vom dunklen ins helle Feld gezogen und das führt natürlich zu einer Veränderung der Zahlen.

Wir als Sicherheitsbehörden müssen auf bestimmte Entwicklungen ganz objektiv hinweisen. Ich glaube, dass Sachsen das erste Bundesland war, welches sehr frühzeitig die Kriminalitätsentwicklung im Kontext Zuwanderung gesondert thematisiert hat. Das haben wir auch ganz bewusst getan, um auf die zunehmende Verunsicherung der Bevölkerung zu reagieren.

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Meyer-Plath: Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum die Silvesternacht das Demonstrationsverhalten auch in Sachsen noch einmal angefeuert hat. Beim Verdacht, dass der Staat versucht, irgendetwas zu beschönigen, sind die Menschen unglaublich sensibel. Meine Erfahrung ist, dass sie mit vielen Botschaften gut umgehen können, auch mit schlechten Botschaften. Was sie aber gar nicht wollen, ist die weiße Salbe.

Welche Botschaften haben Sie in Bezug auf die Terrorismus-Gefahr im Freistaat?

Meyer-Plath: Beim Thema Islamismus haben wir im Vergleich zu anderen Bundesländern noch eine sehr ruhige Lage. Aber die drei Punkte, die bundes-, welt- und europaweit Sorgen machen, haben natürlich auch mit Sachsen zu tun: Der erste ist die Ausreise und Wiedereinreise von Menschen, die in die Bürgerkriegsgebiete nach Irak und Syrien reisen, um sich dort ausbilden zu lassen und zu kämpfen, die dann aber auch zurückkommen. Sachsen ist da mit einer sehr kleinen Zahl an Fällen im Vergleich etwa zu Nordrhein-Westfahlen in einer glücklichen Lage.

Zweites Topthema sind Menschen, die sich als Flüchtlinge tarnen, aber einen klaren terroristischen Auftrag haben und eigentlich nur auf das Signal zum Losschlagen warten. So etwas haben wir bisher in Sachsen nicht, wir haben allerdings ein sehr, sehr hohes Hinweisaufkommen. Diesen Hinweisen gehen wir natürlich nach, häufig mit dem Ergebnis, dass es Gerüchte, Hörensagen oder bewusste Falschaussagen waren.

Und das dritte ist das, womit wir uns sicherlich in den nächsten Jahren am intensivsten beschäftigen müssen: Was ist mit denen, die ohne jegliche politische Agenda zu uns gekommen, vielleicht sogar ganz konkret vor Terror geflohen sind und deren Integration nicht funktioniert? Wenn Wünsche enttäuscht werden, macht das anfällig für eine Radikalisierung hier in Deutschland.

Michaelis: Dieses Thema treibt uns als Sicherheitsbehörden in der Tat um: Wie erkennen wir diese Radikalisierung frühzeitig? Wie fischen wir die Leute heraus, die Böses im Schilde führen, bei denen ein Anschlagsrisiko gesehen wird?

Eine vollständige Sicherheit wird es jedoch auch in Zukunft nicht geben. Nach allem, was wir bislang aus der Auswertung des Anschlages in Würzburg durch die bayrischen Kollegen wissen, war die Integration beim Tatverdächtigen dort auf einem guten Weg: Pflegefamilie, Arbeitsplatz in Aussicht, leidliche Deutschkenntnisse, gute Begleitung in der Schule. Es hat also alles eigentlich funktioniert und trotzdem ist etwas passiert. Das ist eine gehörige Herausforderung.

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Meyer-Plath: Und eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gerade in Sachsen und in anderen Regionen, in denen man mit Menschen aus diesem Kulturkreis wenig Erfahrung hat, ist noch einiges an Aufklärung zu leisten. Zum Beispiel: Was ist der Unterschied zwischen dem Islam und Islamismus? Ab wann verhält sich jemand nicht mehr nur sehr religiös, sondern verdächtig? Die Veränderung einzelner Menschen ist unser wichtigster Anhaltspunkt. Und da sind nicht die Sicherheitsbehörden am nächsten dran, sondern all jene, die im Alltag mit ihnen zu tun haben: im Beruf, in der Freizeit, beim Sport, der Feuerwehr, wo auch immer.

Michaelis: Das Wichtigste ist dann, auf diese Personen zuzugehen, mit ihnen in Kontakt zu treten, eine Kommunikation zu versuchen. Denn allein die Tatsache, dass jemand sich plötzlich verändert, vielleicht ein Kopftuch trägt oder der Lehrerin den Handschlag verweigert, rechtfertigt noch nicht, dass wir als Polizei mit strafrechtlichen oder polizeirechtlichen Mitteln reagieren.

Ganz konkret gefragt: Wie groß ist im Moment die Gefahr eines islamistischen Anschlages in Sachsen?

Michaelis: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe keine Kristallkugel. Wir haben keinerlei konkrete Hinweise, dass sich irgendetwas abzeichnet. Aber es wäre fahrlässig zu sagen, hier passiert nichts. Unsere Möglichkeiten als Polizei sind beschränkt. Wir können nicht jedem, der hier in Sachsen lebt – unter Umständen sogar schon sehr lange – in den Kopf schauen. Wir müssen aufmerksam sein und alles in unserer Macht Stehende tun, um einen Terroranschlag zu verhindern.

Meyer-Plath: Nach dem 11. September gab es die Diskussion, dass Terroristen, um wirklich ein politisches Signal weltweit zu setzen, Ziele angreifen würden, die hohen symbolischen Wert haben – Stichworte: Reichstag, Brandenburger Tor, Sportveranstaltungen. Spätestens seit Würzburg und Ansbach wissen wir, dass sie nun die umgekehrte Strategie anwenden: „Diese großen Gebäude, Infrastrukturen, Veranstaltungen, die könnt ihr vielleicht schützen. Was ihr niemals schützen könnt, ist euer ziviles, normales Leben.“ Es kann also jeder Regionalverkehrszug, jedes kleine Fest vor Ort, jede Shoppingmall ein Ziel sein. Und all das haben wir auch in Sachsen.

Das ist einerseits natürlich eine bedrohliche Botschaft. Aus einer anderen Sicht kann man aber auch dagegenhalten, dass diese Sorte von Terrorismus ihre Wirkung nicht entfalten wird. Nicht mehr mit Regionalzügen fahren? Nicht mehr einkaufen? Nicht mehr zu einer Open-Air-Veranstaltung gehen? Das werden die Menschen nicht tun. Die gehen vielleicht am nächsten Tag nicht in die Shoppingmall, aber eine Woche später tun sie es wieder. Und so ist es eigentlich ein sehr hoffnungsvolles Zeichen: Wer alles zum Angriffsziel erklärt, um eine Gesellschaft zu verändern, wird sein Ziel verfehlen.

Wie reagieren Sie als Sicherheitsbehörden auf die jüngsten Entwicklungen? Was bedeuten die Anschläge in Bayern konkret für Sachsen?

Meyer-Plath: Obwohl es nun zu diesen Taten gekommen ist, gibt es keine wirklich neue Lage für uns. Im Nachgang eines solchen Anschlages prüfen wir sofort im bundesweiten Kontext – Bund, Länder, Polizei, Verfassungsschutz – ob daran möglicherweise mehr hängt. Ist mit weiteren Straftaten genau in diesem Kontext zu rechnen? Wie sind die Verbindungen? Wer hat mit wem zu tun gehabt? Das wird alles ausermittelt, um ein mögliches Geflecht zu erkennen, auch international. Das haben wir vorher so gemacht, das tun wir weiterhin.
Neu wird tatsächlich eine Sensibilisierungskampagne sein. Wir werden gemeinsam mit der Landesdirektion Veranstaltungen auf den Weg zu bringen, um insbesondere den Menschen in den Erstaufnahmeeinrichtungen und in sonstigen Bereichen der Integration die Lage noch einmal darzustellen und unsere gemeinsame Verantwortung zu betonen.

Michaelis: Dazu kommt, dass wir uns bestmöglich für den Fall vorbereiten, dass etwas passiert. Wir schulen die Kollegen im Streifeneinzeldienst, so dass sie handlungssicher sind. Darüber hinaus hat der Freistaat enorm viel in die Modernisierung von Schutzausstattung und Bewaffnung der Spezialkräfte, aber auch der Polizei insgesamt investiert.

Im Verfassungsschutzbericht 2015 wurde die islamistische Szene in Sachsen als hauptsächlich propagandistisch aktiv beschrieben. Die Zahl der tatsächlichen Straftaten war im Vergleich zu anderen extremistischen Gruppen marginal. Steigt das Potential für ausländerextremistische Gewalt in Sachsen inzwischen?

Meyer-Plath: Bisher haben wir dafür keine Anhaltspunkte. Es würde mich nicht überraschen, wenn die Personenpotentiale im Laufe dieses Jahres anwüchsen, diese aber weiterhin zu fast 100 Prozent aus, wie wir sie nennen, politischen Salafisten bestünden. Diese arbeiten, wie alle Extremisten, dafür, ihre politische Ideologie zu verbreiten und möglichst viele Menschen für sich zu gewinnen – in Sachsen aber bisher nicht mit dem Mittel der Gewalt und der Kriminalität.

Michaelis: Ich erlaube mir eine Einschränkung: Wir wissen natürlich nicht, wie sich die Situation in der Türkei entwickelt. Gegebenenfalls werden sich innertürkische Konflikte auch auf Deutschland verlagern. Ich sehe da Sachsen überhaupt nicht als Schwerpunkt, aber es wäre natürlich blauäugig zu sagen, wir hätten hier weder PKK-Sympathisanten noch AKP-Sympathisanten oder Sympathisanten der Gülen-Bewegung.

Abgesehen vom Ausländerextremismus war Sachsen 2015 aber ein Schwerpunkt der politisch motivierten Straftaten und auch der Gewalt. Wie entwickelt sich das im Jahr 2016 aus Ihrer Sicht?

Michaelis: Wenn wir nur auf die Zahlen schauen, sehen wir im ersten Halbjahr 2016 im Vergleich zum ersten Halbjahr 2015 deutliche Rückgänge, bei der politisch motivierten Kriminalität (PMK) insgesamt um fast 11 Prozent. Erfreulich ist auch, dass die Gewaltdelikte zurückgegangen sind, insbesondere, weil die Demonstrationen nicht mehr so aufgeheizt sind wie noch 2015.

Wir haben allerdings im Bereich PMK Rechts wieder Anstiege zu verzeichnen, auch bei den Gewaltdelikten. Das liegt vor allem am ersten Quartal 2016, als die Zahl der Angriffe auf Asylbewerberheime stark angestiegen ist.

Die PMK Links ist deutlich zurückgegangen mit 33 Prozent und vor allem auch die Gewaltdelikte mit 60,4 Prozent, was vor allem mit der Beruhigung der Situation in Leipzig zusammenhängt.

Könnte man zusammenfassen, dass es insgesamt Rückgänge gibt, aber das Gewaltpotential hoch bleibt?

Meyer-Plath: Auf jeden Fall. Beim Potential können wir keine Entwarnung geben. Nur kommt es aktuell zum Glück nicht zum Ausbruch.

Marc Schmitz, Kriminaldirektor beim Bundeskriminalamt, hat auf einer Konferenz in Erfurt im Zusammenhang mit politisch motivierter Gewalt folgenden Satz gesagt: „Dass es noch keine Toten gab, ist reines Glück.“ Was tut das Schwerpunktland Sachsen, um sich nicht auf das Glück zu verlassen?

Meyer-Plath: Ich war dabei, als er das gesagt hat. Glück ist da ein schwieriger Begriff, aber es ist eben bisher nicht dazu gekommen. Militante rechtsextremistische Züge sind ein Schwerpunkt unserer Beobachtungen als Verfassungsschutz. Und wenn wir konkretere Tatplanungen mitbekommen, geben wir rechtzeitig ein Signal an die Polizei, um Schlimmeres zu verhindern. Doch es gilt das Gleiche wie beim Islamismus: Wir werden nicht bei jeder dieser Taten vorher eine Information bekommen. Wenn ein Brandsatz geworfen wird, dann hat das vielleicht wirklich mit Glück zu tun, ob sich die Person A dann im Zimmer B aufgehalten hat oder nicht. Wir tun aber alles dafür, dass es gar nicht erst zu diesen Taten kommt.

Michaelis: Wenn wir uns die Angriffe auf Asylbewerberheime anschauen, waren das in den meisten Fällen keine Taten, die durch gefestigte rechtsextremistische Strukturen oder Gruppierungen begangen worden sind. Nur bei einem ganz geringen Anteil der Täter im Jahr 2015 gab es nach bisherigen Erkenntnissen zuvor Auffälligkeiten im Bereich der politisch motivierten Kriminalität. Das waren zum Teil völlig unbescholtene Bürger, die sich, wie auch immer, aufgeheizt haben, ohne langfristige Planungen. Dabei war es durchaus bisweilen dem Zufall geschuldet, dass ein Brandsatz nicht umgesetzt hat, dass er falsch gebaut war oder gelöscht werden konnte oder irgendwo abgeprallt ist.

Das gilt übrigens auch für Angriffe auf Polizeibeamte. Wenn bei Auseinandersetzungen mit Eisenstangen auf Menschen eingeschlagen, Brandsätze und Molotow-Cocktails auf Menschengruppen geworfen oder Fahrzeuge angezündet werden, ist es ebenfalls Glück, dass bislang nichts Schwereres passiert ist. Wobei ich über 100 verletzte Polizeibeamte nach Demonstrationen nicht verharmlosen möchte.

Sie haben den Tätertypus angesprochen, häufig unbescholten, zumindest vorher nicht politisch motiviert. Angriffe auf Asylbewerberheime würden zu 77 Prozent von direkten Anwohnern begangen, sagt das BKA. Wie lässt sich diesem Tätertypus begegnen?

Meyer-Plath: Ich glaube, dass die Vielzahl der Ermittlungserfolge der Polizei, gerade auch in Sachsen, deutlich macht, dass man erwischt wird. Dann kann ein Leben eine Wendung nehmen, die sich nie wieder umkehren lässt. Es gab sehr, sehr viele wichtige Ermittlungserfolge der Polizei 2015 und 2016, über die auch gut berichtet wurde.

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Michaelis: Die meisten der schwerwiegenden Straftaten gegen Erstaufnahmeeinrichtungen oder Gemeinschaftsunterkünfte sind tatsächlich aufgeklärt worden. Hier greift dann der repressive Ansatz, aber natürlich auch der präventive. Dass man den Leuten wirklich vor Augen führt, was es bedeutet, einen Brandsatz zu werfen. Das ist keine Kleinigkeit und bleibt eben nicht bei einer Sachbeschädigung. Wenn es sich um ein bewohntes Objekt handelt, reden wir über schwere Brandstiftung mit den Folgen im strafrechtlichen, aber auch Schadensersatzforderungen im zivilrechtlichen Bereich. Wir müssen erreichen, dass wirklich ankommt: „Da kommt ja nicht nur ggf. eine Freiheitsstrafe auf mich zu, sondern da habe ich auch Schadenersatz an der Backe, den ich mein Leben lang abzahlen muss.“

Seit dem vergangen Jahr wird gegen eine Freitaler Gruppe wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt. Jetzt haben wir viel über islamistischen Terror gesprochen. Das Personenpotential im Links- oder Rechtsextremismus in Sachsen ist jedoch deutlich höher. Wie groß ist eigentlich die Gefahr, dass sich dort jemand so radikalisiert, dass er zu einer terroristischen Bedrohung wird?

Meyer-Plath: Inwieweit es sich bei Zusammenschlüssen solcher Täter tatsächlich um terroristische Gruppierungen handelt, muss die Justiz bestimmen. Wir sind sehr froh, dass wir so eine Gruppierung wie die Oldschool Society im Mai 2015 als Verfassungsschutz von Bund und Ländern gemeinsam mit der Polizei vor der ersten Tat stoppen konnten. Insofern, ja, die Gefahr ist da. Und es ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit, solche Gruppierungen schon frühzeitig zu erkennen und so früh wie möglich der Strafverfolgung zuzuführen.

Noch ein Zitat: Der BKA-Präsident sagt zum Thema Hatespeech: „Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte sind häufig das Ergebnis einer Radikalisierung, die auch in sozialen Netzwerken beginnt.“ Müsste nicht gerade Sachsen angesichts dessen noch konsequenter gegen Hasskommentare im Internet vorgehen?

Meyer-Plath: Er hat natürlich Recht. In der Regel gibt es jedoch eine Vielzahl von Radikalisierungsquellen, aus dem persönlichen Leben, aus Demonstrationsgeschehen, aus sonstigem Medienkonsum. Wenn es sich um Straftaten handelt, wird dagegen vorgegangen.

Aber nur, wenn Sie per Anzeige darauf gestoßen werden. Ist ein eigenes Aktiv-Werden der Behörden unrealistisch?

Michaelis: Dort, wo es Hinweise gibt und wo die strafrechtliche Schwelle überschritten ist, geht die Polizei auch vor. Aber natürlich nur dann, wenn wir es auch mitbekommen. Das World Wide Web ist so umfassend, dass verdachtsunabhängige Streifen, von denen da gesprochen wird, in den meisten Fällen, kaum eine Chance auf Erfolg haben. Es sei denn, man geht ganz gezielt auf bestimmte Seiten und schaut sich mal die Kommentare an.

Meyer-Plath: Es ist ja eine selbstverständliche Form der Kommunikation geworden. Das hieße ja im Umkehrschluss, dass die Sicherheitsbehörden in jeder Kneipe und auf jedem Grillfest sein müssten, weil dort Radikalisierung stattfinden könnte. Weil Griller A oder B sagt: „Ist ja scheiße hier mit den ganzen Ausländern.“ Diese Kommunikation findet nun auch in sozialen Medien statt.

Aber in einer ungleich radikaleren, drastischeren und auch aufwieglerischeren Form und mit einer größeren Reichweite.

Meyer-Plath: Die Reichweite ist sicherlich der wichtigste Unterschied. Aber die sorgt ja dann auch dafür, dass es bekannt wird. Und wenn es bekannt wird, dann können wir ansetzen.

Bevor die Terrorangst wuchs, haben viele Menschen ihre Sorgen artikuliert, dass die vielen Flüchtlinge ihre Sicherheit beeinträchtigen. Wie entwickelt sich die Kriminalität in Sachsen vor dem Hintergrund der deutlich gestiegenen Zahl an Zuwanderern?

Michaelis: Was die Kriminalität im Allgemeinbereich angeht, erleben wir einen Anstieg, da dürfen wir die Augen nicht verschließen. Wir haben 2016 im ersten Halbjahr 9.749 Straftaten durch Zuwanderer erfasst, über 50 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Hierbei ist aber unbedingt zu berücksichtigen, dass der Anteil der straffälligen Zuwanderer bei den Tatverdächtigen größer geworden ist, weil die Anzahl der Zuwanderer ab dem 2. Halbjahr 2015 enorm gestiegen ist. Diese Entwicklung ist bei einer Bewertung unbedingt zu beachten.

Wenn wir uns die deliktische Verteilung ansehen, handelt es sich zu 38 Prozent um Diebstähle, zu 15 Prozent um Körperverletzung, zu einem Prozent um Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Knapp ein Siebtel der Vorfälle hat sich in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften abgespielt. Wenn Zuwanderer Opfer einer Straftat werden, sind in zwei Drittel der Fälle andere Zuwanderer die Täter.

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Sicherlich hängt all das auch mit der Zusammensetzung der Gruppe der Zuwanderer zusammen: Der größte Teil der Zuwanderer sind junge Männer zwischen 18 und 30. Dieser Altersteil der Bevölkerung ist natürlich auch bei deutschen Tatverdächtigen deutlich überrepräsentiert. Aber es ist eine Tatsache: Wir haben mit steigenden Zuwanderungszahlen auch eine steigende Kriminalität durch Zuwanderer.

Meyer-Plath: Ich glaube, viele der „Nein zum Heim“-Demos fanden zu einem Zeitpunkt statt, als noch kein einziger Flüchtling dort war, sondern eine völlig abstrakte Vorstellung herrschte, was für eine schreckliche Gefahr vermeintlich auf uns zukommt. Inzwischen machen viele Menschen die Erfahrung, dass sich in ihrer Umgebung eigentlich wenig verändert hat, zumindest aber keine bedrohliche Situation entstanden ist.

Sollten wieder neue Flüchtlingsströme kommen, wird die Lage natürlich wieder schwieriger. Aber ich glaube, sie wird nicht wieder so schwierig wie im letzten Jahr, auch weil die Behörden wesentlich besser aufgestellt sind und die Menschen das auch registrieren.

Was können Sie den Menschen in Sachsen darüber hinaus mitgeben? Was macht Hoffnung, was kann beruhigen, welche Perspektive eröffnen?

Meyer-Plath: Es geht um eine Mischung aus Gelassenheit und Sensibilität.

Michaelis: Ich würde das genauso sagen. Die Menschen sollten ihr Leben so weiterleben wie bisher, mit einer entsprechenden Sensibilität und Aufmerksamkeit für ihre Mitmenschen. Das betrifft aber nicht nur die Gefahr von Terrorismus, sondern es geht generell darum, wieder aufmerksamer zu sein und anderen auch wieder mehr zu helfen. Es gibt so viele Beispiele für gelungene Integration, daraus kann man Hoffnung schöpfen.

Meyer-Plath: … und Vertrauen in die Behörden und Institutionen des Rechtsstaates in Deutschland. Der funktioniert! Es ist kein Zufall, dass wir ein so attraktives Ziel für Flüchtlingsströme sind. Die Menschen wollen hierherkommen, weil sie wissen, dass es hier mit Recht und Ordnung zugeht und dass hier Verhältnisse herrschen, in denen man ein freies Leben in Sicherheit führen kann.

Interview: Enrico Bach

Redaktion

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Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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