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Holen die alle noch ihre Familien nach?

Holen die alle noch ihre Familien nach?

asyl_familien02Sehr viele Asylbewerber sind alleinstehende Männer. In der Gruppe der 18- bis 35-Jährigen beträgt der Anteil sogar fast 75 Prozent. Das geht aus der Jahresstatistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für das Jahr 2014 hervor (Seite 21 und 22). Warum das so ist, berichteten wir bereits an dieser Stelle. Wie viele von ihnen werden ihre Familien nachholen? Geht das überhaupt so einfach?

Wer darf nachreisen?

Ausschließlich die engsten Familienangehörgen – das sind die Ehe- bzw. eingetragene Lebenspartner und minderjährige Kinder – dürfen nach einem erfolgreich abgeschlossenen Asylverfahren nachgeholt werden. Das heißt, wer seine Familie nachholen will, muss eine befristete Aufenthaltserlaubnis (z. B. als Asylberechtigter oder subsidiär Schutzberechtigter) oder eine unbefristete Niederlassungserlaubnis besitzen sowie über genügend Wohnraum und einen gesicherten Lebensunterhalt verfügen. Reisen minderjährige Kinder allein nach Deutschland, gilt das Gleiche für ihre Eltern. Es ist also nicht so, dass sich ganze Großfamilien auf den Weg machen können. So stellt das sächsische Innenministerium klar:

Partner aus einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft haben keinen Anspruch auf einen Familiennachzug nach Deutschland. Andere Verwandte können nur ausnahmsweise nachziehen, wenn es zur Vermeidung einer außergewöhnlichen Härte erforderlich ist.

Wichtig ist, dass der Antrag auf Familiennachzug innerhalb von drei Monaten nach dem bewilligten Asylantrag bei der Ausländerbehörde gestellt wird. Dann sind die oben genannten Voraussetzungen nicht bindend. Deutsche Sprachkenntnisse beim Nachziehenden sind Grundvoraussetzung, allerdings gibt es auch dafür Ausnahmen. Weitere Informationen sind in diesem PDF-Dokument (von 2007, aber noch aktuell) zu finden.

Der lange Weg durch den Behörden-Dschungel

Es klingt wie ein Teil einer Prüfung: Wer in Deutschland leben will, der muss gute Grundkenntnisse im Behörden-Dschungel nachweisen können. Mit einem Anruf bei der Familie à la „Die Luft ist rein, kommt her!“ ist es also nicht getan. Zunächst einmal muss jeder Familienstand nachweisbar sein. Dazu benötigt man in diesem Fall Geburts- und Eheurkunden. Dann wird es kniffelig. Die Nachreisenden benötigen nämlich gültige Visa. Diese können sie in einer deutschen Botschaft beantragen. Das ist aber in den von Krieg zerrütteten Ländern oft gar nicht so einfach. Wenn es überhaupt noch eine Botschaft gibt, sind Termine oft bis zu einem Jahr im Voraus ausgebucht, wie zum Beispiel ZEIT ONLINE schon vor zwei Jahren dokumentierte.

Wie viele werden es sein?

Dazu gibt es keine belastbaren Zahlen – nur Spekulationen. SPIEGEL Online schrieb in dem Zusammenhang der Hochrechnung schon von einer Panikmache. Gegenüber Focus Online warnt auch Jochen Oltmer, Professor für die Migrationsgeschichte an der Universität Osnabrück, vor Alarmismus. Noch sei gar nicht klar, wie viele Flüchtlinge hier bleiben dürfen, was ja – siehe oben – Grundvoraussetzung für einen Familiennachzug ist. Außerdem:

Das demografische Profil der Flüchtlinge erlaube keine konkreten Voraussagen oder Zahlenspiele. ‚Es sind viele Kinder, die jetzt zu uns kommen, da spielt Nachzug keine große Rolle‘, erklärt Oltmer. ‚Das betrifft auch junge, unverheiratete Männer.‘ Und schließlich wollten nicht alle Menschen, die jetzt Schutz in Deutschland suchen, auch bleiben: Die Geschichte zeige, dass eine dauerhafte Niederlassung ‚keinesfalls der Regelfall‘ sei.

Redaktion

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Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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