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Erfahrungsbericht: „Ich merke immer wieder, dass ich an meine Grenzen stoße.“

Erfahrungsbericht: „Ich merke immer wieder, dass ich an meine Grenzen stoße.“

21. Juni 2016

Foto: "Asyl Hinweisschild", Metropolico.org via flickr http://bit.ly/28IvC6m (CC BY-SA 2.0)

Heute wollen wir mal ganz persönlich werden, uns von unserer Aufgabe lösen und ausnahmsweise keine Argumente austauschen oder kritisch hinterfragen. Heute tauchen wir mal ab in den sächsischen Alltag, ins Leben in einer Flüchtlingsunterkunft. Ein ehrenamtlicher Helfer, der in Dresden in einer Einrichtung der Johanniter tätig ist, hat seine Erfahrungen mit uns geteilt.

Nennen wir ihn André. Er schreibt über Verantwortung, über Hindernisse und Erfolgserlebnisse. Und darüber, was ihn an seine Grenzen bringt. Hier sind seine Erlebnisse und Gedanken, seine ganz subjektiven Asylfakten im Frühsommer 2016:

Erfahrungsbericht

Ich arbeite seit fast sechs Monaten in einer Gemeinschaftsunterkunft mit geflüchteten Menschen in Dresden.

Ich hatte ein großes Interesse, mit Menschen zu arbeiten, die sich entschieden haben, ihr Heimatland zu verlassen und einen Neuanfang zu wagen. Im Vorfeld hatte ich dennoch einige Bedenken bezüglich der Arbeit in einer Gemeinschaftsunterkunft: Auf welche Menschen werde ich treffen? Wie würden die Verhältnisse sein? Wer arbeitet mit Geflüchteten? Welchen Gestaltungsspielraum gibt es?

Zu meinem Glück arbeite ich weder in einer Turnhalle, noch in einem Baumarkt oder in einer ehemaligen Flughafenhalle. Ich arbeite in einem ehemaligen Hotel, in dem überwiegend Familien leben. Jede Familie hat ihr eigenes Zimmer und somit ein gewisses Maß an Privatsphäre, um die neuen Eindrücke halbwegs gut zu verarbeiten. Diese Tatsache erleichtert das tägliche Miteinander ungemein, da der Schutz der Privatsphäre eine große psychische und emotionale Last nimmt.

Die ersten Tage waren von einer Mischung von Euphorie, Tatendrang und Zurückhaltung geprägt. Ich wusste um einzelne Geschichten, die einige Bewohner*innen auf ihrer Flucht nach Deutschland erlebt hatten. Auch um den Empfang, den sie in Heidenau erfahren hatten, als „besorgte Bürger*innen“ sie willkommen hießen.

Doch durch die tägliche Routine des Miteinanders kam ich mit einigen Geflüchteten schnell in Kontakt. Natürlich auch, weil sie einfach eine Unmenge an Fragen haben. Für sie ist jeder Tag eine neue Herausforderung. Weil sie in einem Land leben, das sie nicht verstehen, dessen Sprache und Gepflogenheiten sie nicht kennen. In dem sie, nicht nur jeden Montag, spüren, wie sehr sie hier nicht erwünscht sind.

Aber auch Solidarität und Hilfsbereitschaft erfahren, Freundschaften knüpfen, sprachliche Barrieren einreißen und kleine Erfolgserlebnisse feiern.

Für mich war es wichtig, einen gemeinsamen Punkt zu finden, von dem aus wir gemeinsam starten können. Also habe ich angefangen, Sprachfloskeln zu lernen; Arabisch, Albanisch und Kurdisch. Es macht viel aus, wenn du spürst, dass dein Gegenüber Interesse zeigt. Nach einiger Zeit wurden zarte Freundschaften daraus.

Die Phase des Kennenlernens war eine intensive und dynamische Zeit. Welche aber auch nicht immer gradlinig verlief. Schnell passiert es, dass Interesse Begehrlichkeiten weckt. Dass aufgrund der verschiedenen familiären Konstellationen Neid entsteht oder ein Gefühl der Übervorteilung bzw. Benachteiligung.

Es fiel mir anfangs schwer, mich zu positionieren, zu schauen, wo meine Grenzen sind. Bei unserem ersten gemeinsamen Bewohnermeeting sah ich die einzelnen Konfliktlinien deutlich. Es sind die sich gegenseitig behindernden Vorstellungen und Wünsche, die vielfach nicht im Einklang stehen.

Das Regulativ einer Politik, die aus geflüchteten Menschen Bittsteller*innen macht, kam deutlich hervor. Ein Großteil der Menschen ist dazu verdammt, auf seine Eigenständigkeit zu verzichten. Sie sind angewiesen auf Übersetzer*innen, Berater*innen, Entscheider*innen und Helfende. Ich spüre oft eine große Unsicherheit:

  • Zum einen aufgrund von verschiedenen Interessen und Missverständnissen. Für Geflüchtete besteht die permanente Angst vor einer ungewissen Zukunft. Der Druck, alles richtig zu machen. Die Sorge um Freunde und Verwandte in der Heimat.
  • Zum anderen tragen wir Helfenden eine große Verantwortung. Wir sind zum Großteil Gestalter*innen und Wegbegleiter*innen für das Projekt Integration.

Es ist nicht einfach, sich dieser Verantwortung zu stellen und sich mit den täglichen Problemen und Enttäuschungen auseinanderzusetzen. Ich merke immer wieder, dass ich an meine Grenzen stoße. Bisweilen pampig und manchmal gereizt reagiere, wie auch die Bewohner*innen.

Die Arbeit mit Geflüchteten, mit Menschen, ist ein tägliches Sich-Finden und Aushandeln von Interessen, Wünschen und Hoffnungen. In diesem Zusammenhang gibt es dann natürlich Probleme, Überraschungen und Enttäuschungen.

Aber in welchen sozialen Zusammenhängen gibt es diese nicht?

 

Foto: „Asyl Hinweisschild“, Metropolico.org via flickr http://bit.ly/28IvC6m (CC BY-SA 2.0)

Redaktion

Redaktion

Wir sind das Team von stawowy media, einem Dresdner Redaktionsbüro unter Leitung von Peter Stawowy. Seit 2010 betreiben wir unter anderem das unabhängige Medienblog Flurfunk Dresden, 2014 ist erstmals unser gedrucktes Magazin Funkturm erschienen. Dieses Faktencheck-Blog zum Thema Asyl ist aus der Frage geboren, was wir tun können, um die hitzigen Diskussionen zu versachlichen.

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